Tschetschenien Kriege (1994-1996, 1999-2009)

Erläuterung:
Kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion rief Tschetschenien die Unabhängigkeit aus. Moskau reagierte zuerst mit diplomatischen Druck, dann mit verdeckter Unterstützung verschiedener Oppositionsgruppen, schließlich mit militärischen Mitteln. Zur führenden politischen Kraft entwickelte sich jedoch der 1990 gegründete Nationalkongress des tschetschenischen Volkes. 1991 erklärte Tschetschenien unter der Führung Dschochar Dudajews, der zum Präsidenten der Republik gewählt worden war, einseitig seine Unabhängigkeit. 1992 beschloss das russische Parlament, aus dem inguschischen Teil Tschetscheniens, der sich der Unabhängigkeitserklärung nicht angeschlossen hatte, die Republik Inguschien zu bilden.

Erster Tschetschenienkrieg (1994-1996)
Im November 1994 marschierten russische Truppen nach Tschetschenien ein, um das Unabhängigkeitsstreben zu unterbinden. Nach erbitterten Kämpfen mit tschetschenischen Verbänden in deren Verlauf die Hauptstadt Grosny komplett zerstört und rund 80.000 Menschen getötet wurden, wurde 1996 ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Keine der beiden Seiten hatte ihre Ziele erreicht: die russischen Truppen zogen sich am 5. Januar 1997 faktisch geschlagen zurück, die Rebellen hatten die Unabhängigkeit Tschetscheniens trotzdem nicht erreicht, die nachfolgenden Verhandlungen wurden von Seiten Russlands abgebrochen. Nachdem Präsident Dudajew im April bei einem Raketenangriff getötet worden war, wurden schon Ende Januar 1997 erneute Präsidentschaftswahlen abgehalten, aus denen der ehemalige Generalstabschef der tschetschenischen Streitkräfte, Aslan Maschadow, als Sieger hervorging. Der moderate Muslim galt als guter Kompromisskandidat, um die Bevorzugung eines einzelnen Clans zu verhindern.
Im Mai 1997 unterzeichnete er einen Friedensvertrag mit Russland, der aber noch keine Festlegung über den zukünftigen politischen Status Tschetscheniens enthielt. Die politische Lage blieb instabil, da es Maschadow nicht lange gelang, sich die Unterstützung aller ehemaligen Feldkommandeure und Clanchefs zu sichern.

Zwischenkriegsperiode (1997-1999)
Die ungenügende Wiederaufbauhilfe aus Moskau führte zu einer islamischen Radikalisierung einzelner Clanchefs, die begannen ihre Interessen mit zum Teil kriminellen Mitteln durchzusetzen. Ausländische Arbeiter wurden wiederholt entführt, um Lösegeld zu erpressen; Raubzüge in die benachbarte Region Stavropol nahmen ebenso zu, wie der Diebstahl von Erdöl aus der Pipeline, die durch Tschetschenien und Dagestan führt. Die Grenze zwischen kriminellen und politischen Zielen verwischte immer weiter.

Zweiter Tschetschenienkrieg (1999-heute)
Nachdem es im Frühjahr und Sommer 1999 wiederholt Überfälle auf Miliz- und Grenzposten der tschetschenisch-russischen und tschetschenisch-dagestanischen Republikgrenzen gegeben hatte, beschloss das russische Innenministerium am 3. Juli 1999 massiv gegen tschetschenische Kämpfer vorzugehen. Als Reaktion überfiel Anfang August 1999 Feldkommandeurs Shamil Basajew mit mehreren Hundert Separatisten die benachbarte Republik Dagestan, besetzte mehrere Dörfer und rief eine „Islamische Republik Dagestan“ aus. Mit massiven Artillerie- und Luftangriffen und der Hilfe einer dagestanischen Freiwilligenarmee schlugen die russischen Streitkräften die Rebellen zurück bis Ende August zurück. Dieser Überfall auf Dagestan diente den Föderationsstreitkräften als Legitimation, die Angriffe auf Tschetschenien auszuweiten.
Im September 1999 eigneten sich im Großraum Moskau mehrere Bombenanschlägen auf Wohnhäuser bei denen über 300 Zivilisten getötet und mehrere Hundert verletzt wurden. Die russische Führung machte trotz mangelnder Beweise tschetschenische Separatisten für die Anschläge verantwortlich, und ließ die Luftwaffe erste Angriffe auf die Hauptstadt Grosny fliegen, denen am 1. Oktober 1999 eine groß angelegte Bodenoffensive folgte.

Mit massiven Luft- und Artillerieangriffen versuchte die russische Armee Nahkämpfe zu vermeiden. Gravierende Zerstörungen in Städten und Dörfern wurden dabei in Kauf genommen. Auf größeren Widerstand stießen die russischen Truppen erst in Grosny. Fast zwei Monate dauerten die Gefechte um die Hauptstadt. Erst am 6. Februar 2000 konnte Präsident Wladimir Putin die Einnahme der völlig zerstörten Stadt bekannt geben. Nach der Niederlage in Grosny gingen die Rebellen zum Guerillakampf über.

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA zählt Putin den Tschetschenienkrieg als Russlands Beitrag zum weltweiten „Kampf gegen den Terror“. Die Beteiligung arabischer Söldner verschiedener Nationalitäten dient als Beweis für die Verbindungen tschetschenischer Rebellen zum „internationalen Terrorismus“. Trotz 80.000 russischer Soldaten gelingt es Moskau nicht den Krieg für sich zu entscheiden. Das rücksichtslose Vorgehen der russischen Armee hat den Rückhalt der Rebellen in der tschetschenischen Bevölkerung gestärkt und für eine weitere Hinwendung zum Islam gesorgt. In den Trümmern Grosnys tobt bis heute ein erbitterten Partisanenkrieg. Seit dem Frühjahr 2002 verüben die Rebellen auch zunehmend Großanschläge auf russische Einrichtungen und sogar Militärflugzeuge.
Über die Zahl der Opfer des Konflikts gibt es lediglich Schätzungen: Menschenrechtsorganisationen gehen von 10.000 bis 20.000 Toten aus, nach offiziellen Angaben verlor die russische Armee rund 3.500 Mann, eine Zahl, die trotz steigender Verluste seit zwei Jahren konstant blieb und damit wenig aussagekräftig sein dürfte.
Der Konflikt erfuhr weltweite Aufmerksamkeit als 50 tschetschenische Rebellen im Oktober 2002 ein Moskauer Musical-Theaters besetzten und mehr als 750 Zuschauer als Geiseln nahmen. Die Geiselnehmer forderten ein Ende des Krieges in Tschetschenien und den Abzug der russischen Truppen. Nach 58 Stunden beendeten russische Spezialeinheiten die Besetzung gewaltsam. Durch den Einsatz eines starken Narkosegases kamen 128 Geiseln ums Leben, 48 Rebellen wurden erschossen. Trotz dieser hohen Zahl an Opfern bei der Geiselbefreiung genoss Putin für die Aktion Rückhalt in der russischen Bevölkerung. Die staatliche Kontrolle vieler Medien erleichterte es dem Präsidenten, kritische Stimmen, wie die der Soldatenmütter oder verschiedener Menschenrechtsorganisationen, zu unterdrücken. Die Chance auf eine friedliche Lösung des Tschetschenienkonfliktes hat sich 2002 aber weiter verringert.

Nach: Marc Schlaphoff, Arbeitsgemeinschaft
Kriegsursachenforschung(AKUF) an der Forschungstelle „Kriege, Rüstung und Entwicklung“ (FKRE) der Universität Hamburg; http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege_aktuell.htm
Literatur:
Tracey C. German. Russia's Chechen War. Curzon Press, 2003. 256 p.
John B. Dunlop. Russia Confronts Chechnya. Roots of a Separatist Conflict. Cambridge, 1998.
Wolfgang Günter Lerch. Der Kaukasus. Nationalitäten, Religionen und Großmächte im Widerstreit. Hamburg. 2000.
Anatol Lieven. Chechnya. Tombstone of Russian Power. New Haven. 1998.

http://www.chechenpress.info/english/ http://www.kavkaz.org/en.htm
http://www.militarynews.ru/ech_lenta.asp
http://www.sptimesrussia.com
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