Erläuterung:
Nach der Erlangung der Unabhängigkeit von Frankreich 1943, entwickelten christliche und moslemische Politiker des Libanon gemeinsam den sogenannten „Libanesischen Nationalpakt“. Diese Vereinbarung sah die Verteilung von öffentlichen Ämtern und Verwaltungsposten nach einem Konfessionsproporz vor, wobei das Kräfteverhältnis nach dem Ergebnis einer Volkszählung aus dem Jahr 1932 zugunsten der Mehrheit der christlichen Maroniten festgeschrieben wurde.
Nach dem israelisch-arabischen Krieg 1948/49 flüchteten ca. 150.000 überwiegend moslemische Palästinenser in den Libanon. Sie wurden von der Regierung in 17 Lagern, verstreut über das ganze Land, notdürftig untergebracht. Mit der Vertreibung der PLO aus Jordanien 1970 erreichte eine zweite Welle palästinensischer Flüchtlinge den Libanon. Im weiteren Verlauf entwickelten sich die Flüchtlingslager zu den politischen und militärischen Zentren der palästinensischen Befreiungsbewegung PLO, die von dort ihren Kampf gegen Israel aufnahm. Israel reagierte mit schweren Vergeltungsschlägen, besonders im Süden des Libanon. Die libanesische Regierung hatte längst jede Kontrolle über die Flüchtlingslager verloren und war Teil des israelisch-palästinensischen Konflikts geworden, allerdings mit eingeschränktem Handlungsspielraum. Ein Einsatz der Armee gegen die PLO wie ihn die Christen verlangten, scheiterte am Widerstand der moslemischen Libanesen. Sie gebrauchten die PLO als Druckmittel, mit dessen Hilfe sie ihren Forderungen nach mehr politischer Beteiligung Nachdruck verleihen konnten. Hintergrund dieser Ansprüche war das rasche Bevölkerungswachstum bei den Moslems, das die Grundlagen des im Nationalpakt festgeschriebenen Konfessionsproporzes umgekehrt hatte. Nur mehr ein Drittel der Bevölkerung waren noch Christen, die übrigen zwei Drittel stellten nun die Drusen und Moslems, von denen wiederum die Mehrheit zu den Schiiten zählte.
Als Anfang der 70er Jahre eine schwere Rezession zur Verelendung breiter Bevölkerungsschichten führte, traten die sozialen Gegensätze in Form konfessioneller Antagonismen in Erscheinung. Besonders die jungen Angehörigen der schiitischen Mehrheit sahen sich in ihrer Würde durch eine zunehmende Marginaliserung seitens der christlichen Maroniten verletzt und verlangten politische Reformen. Die Maroniten lehnten solche Forderungen ab und gründeten zur Verteidigung ihres Status Quos und um sich der stärker werdenden PLO zu erwehren ihre eigenen Privatarmeen, wie z.B. die Falange-Miliz. Als Reaktion entstanden auf moslemischer Seite ähnliche Milizen der Drusen und der Schiiten (Amal-Miliz).
Am 13. April 1975 schossen nicht identifizierte Täter aus einem Auto auf eine Kirche in Ain Rammanah, bei dem vier Männer, darunter zwei Falangisten starben. Noch am selben Tag überfielen Falangisten einen mit Palästinensern besetzten Bus und brachten aus Rache 27 Menschen um. Am nächsten Tag begann in den Straßen von Beirut eine offene Feldschlacht zwischen von Moslemmilizen unterstützen palästinensischen Guerillas und christlichen Falange-Milizen. Später schlossen sich christliche und moslemische Teile der Armee den jeweiligen Milizen an. Der Bürgerkrieg im Libanon hatte begonnen.
1976 griff die syrische Armee in den Konflikt ein und besetzte das Land mit rund 20.000 Soldaten. Syrien unterstrich damit nicht nur seinen Anspruch auf ein Gebiet, das in vorkolonialer Vergangenheit zum Großreich Syrien gehört hatte, es beugte ferner der vermeintlichen Gefahr eines israelischen Präventivkriegs vor und drängte den Einfluß der PLO auf die libanesische Innenpolitik zurück.
Im weiteren Verlauf des Bürgerkrieges blieb zwar die Frontstellung zwischen Christen und Muslimen erhalten, die Auseinandersetzungen wurden aber zunehmend von Gefechten zwischen libanesischen und palästinensischen und zwischen proiranischen und prosyrischen Gruppierungen bestimmt. Nachdem sich im Frühjahr 1978 die Anschläge der PLO auf nordisraelisches Territorium häuften, führten israelische Truppen im Südlibanon Vergeltungsmaßnahmen gegen PLO-Kämpfer durch. An dieser bis dahin größten Militäraktion im Libanon nahmen 25.000 israelische Soldaten teil. In der Resolution Nr. 425 des Weltsicherheitsrates vom 19. März 1978, der sich in diesem Fall auch die USA anschloß, wurde der Rückzug der israelischen Truppen gefordert. Außerdem wurde die Stationierung einer UN-Friedenstruppe (UNIFIL) in dem von Israel zu räumendem Gebiet beschlossen. Mit dem israelischen Rückzug sollte eine 7.000 Soldaten umfassende Peacekeeping-Einheit bis zur libanesischen Südgrenze nachrücken und dort eine permanent kontrollierte Zone einrichten, um die Infiltration von palästinensischen Freischärlern nach Israel zu unterbinden. Im Juni 1978 zogen sich die israelischen Soldaten aus dem Südlibanon zurück, die israelische Regierung faßte jedoch den Entschluß, eine eigene Sicherheitszone nördlich der internationalen Grenze einzurichten und deren Kontrolle nicht der UNIFIL, sondern der südlibanesischen Miliz von Major Haddad anzuvertrauen, der eng mit ihnen kooperierte.
Vom libanesischen Bürgerkrieg zum Libanonkrieg
1982 drangen israelische Truppen schließlich bis Beirut vor, um den Westteil der Stadt zu belagern, wo sich die Kommandozentrale der PLO und mehr als 10.000 PLO-Kämpfer befanden. In Zusammenarbeit mit den Falangisten errichteten sie ein Blockade um die Stadt, in der 80.000 Menschen unter heftigem Artillerie- und Luftangriffen eingeschlossen wurden. Nach Vermittlung der USA wurden die palästinensischen Kämpfer auf dem Seeweg evakuiert. Wegen der hohen Zahl der zivilen Opfer wurde der Krieg jedoch sowohl im Ausland als auch in der israelischen Öffentlichkeit z.T. scharf kritisiert. Nach Meinung vieler Beobachter stellte er eine überzogene und gefährliche Reaktion auf die Terrorakte der PLO dar. Die Kritik an der israelischen Armee und ihrem Oberbefehlshaber Ariel Scharon verstärkte sich nach den Massakern in den palästinensischen Flüchtlingslagern von Shatila und Sabra. Dort hatten Falangisten aus Anlass der Ermordung des christlichen Präsidenten Beschir Gemayel schwere Massaker verübt, bei denen die israelische Armee tatenlos zugesehen hatte. Eine israelische Untersuchungskommission bescheinigte Scharon eine „indirekte“ Verantwortung für die ca. 3.000 Toten.
Im September 1982 wurde der gemäßigte Amin Gemayel, ein Bruder des ermordeten Präsidenten, zu dessen Nachfolger gewählt. Es gelang ihm jedoch nicht, mit der mit amerikanischer Hilfe neu aufgebauten libanesischen Armee die Kontrolle über das Land zurückzugewinnen. Die multinationalen Schutztruppen zogen sich nach diversen Bombenanschlägen mit Selbstmordattentätern aus dem Libanon zurück. Auf Initiative Saudi-Arabiens fanden 1983 und 1984 Friedenskonferenzen in der Schweiz statt, ohne dass die Bürgerkriegsparteien sich auf ein Abkommen hätten einigen können. Mit dem Teilrückzug israelischer Truppen aus dem Libanon 1985 entstand im Südlibanon ein Machtvakuum, in das zunächst die prosyrische Amal-Miliz und die mit ihr rivalisierende proiranische Hisbollah-Miliz stießen, welche weiterhin Anschläge gegen israelische Stellungen im Libanon durchführten. Entlang der israelisch-libanesichen Grenze richtete Israel eine acht bis zehn Kilometer breite Sicherheitszone ein, um ein Übergreifen moslemischer Milizen auf israelisches Staatsgebiet zu verhindern. Erst 15 Jahre später, im Jahr 2000, werden die israelischen Truppen auch hier abziehen.
Als Gemayel am Ende seiner Präsidentschaft 1988 den christlichen General Michel Auon zum Regierungschef ernannte, war die Zersplitterung des Landes in jeweils von einer Gruppe beherrschte Regionen nicht mehr aufzuhalten, die libanesische Armee zerfiel erneut. Eine muslimische Gegenregierung etablierte sich. Im August 1990 wurde auf Vermittlung Saudi-Arabiens die Verfassung dahingehend geändert, das Parlament paritätisch mit Muslimen und Christen zu besetzen. Auon widersetzte sich dem Abkommen, seine Armee konnte erst im Oktober zur Kapitulation gezwungen werden. Der Maronit Hrawi wurde neuer libanesischer Staatspräsident; West- und Ostbeirut wurden wiedervereinigt. Mit syrischer Hilfe gelang es den neuen libanesischen Streitkräften allmählich, die militärische Kontrolle von den mehr als 80 Privatarmeen über große Teile des Landes zurückzuerobern.
In den 15 Bürgerkriegsjahren wurden etwa 170.000 Menschen getötet und 300.000 verletzt, 20.000 gelten als vermisst, 800.000 flohen ins Ausland.
Literatur:
David Thomas Schiller: Der Bürgerkrieg im Libanon: Entstehung, Verlauf, Hintergründe. München: Bernard & Graefe, 1979. ISBN: 3-7637-5303-6
Alfred Schlicht: Libanon zwischen Bürgerkrieg und internationalem Konflikt. Bonn: Europa-Union-Verlag, 1986. ISBN: 3-7713-0278-1
Thomas L. Friedmann: Von Beirut nach Jerusalem: Der Nahostkonflikt - Geschichte und Gegenwart. München: Heyne, 1994. ISBN: 3-453-05207-2