Vietnamkrieg (1946-1975)

Erläuterung:
Die Ursachen für den fast dreißig Jahre andauernden kriegerischen Konflikt um Vietnam liegen zum einen in der kolonialen Vergangenheit Vietnams, zum anderen in der schärfer werdenen Konfrontation der kommunistischen bzw. kapitalistischen Gesellschaftssysteme während des Kalten Krieges.
Bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts nahm Frankreichs Regierung Einfluß auf die Politik in Vietnam. In den 80er Jahren desselben Jahrhunderts hatte sie das ganze Land sowie Kambodscha und Laos in einer Union unter ihre Kontrolle gebracht. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts organisierte sich der immer wieder aufflackernde Widerstand schließlich als kommunistische Bewegung unter der Führung von Ho Chi Minh.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs verdrängten die Japaner die Franzosen und besetzten Indochina im September 1940. 1941 gründete Ho Chi Minh die „Liga der Verbände für die Unabhängigkeit Vietnams“ (Viet Minh), die mit finanzieller Hilfe der USA einen Guerilla-Krieg gegen die japanischen Besatzer führte. Nach der Kapitulations Japans im August 1945 brach in Vietnam die Revolution aus, wenige Tage später, am 2. September 1945 rief Ho Chi Minh die unabhängige und souveräne Demokratische Republik Vietnam (DRV) aus, geriet aber schnell in Konflikt mit den zurückkehrenden Franzosen.
Im März 1946 wurde der DRV durch ein französisch-vietnamesisches Abkommen der Status eines „freien Staates“ innerhalb der französischen Union zuerkannt. Die dennoch einsetzende Rekoloniallisierungspolitik Frankreichs rief den politischen und militärischen Widerstand des Vietminh hervor.

Mit dem sog. Haiphong-Zwischenfall, der Beschießung der Vietnamesen-Viertel durch französische Kriegsschiffe am 23. November 1946, wurde die schwelende Auseinandersetzung zu einem offenen Konflikt, in dem sich das französische Expeditionskorps den Vietminh-Truppen jedoch als unterlegen erwies. Als das kommunistische China den Vietminh militärisch und politisch unterstützte, sah der Westen den Vietnamkrieg als Teil des Kampfes gegen den „Weltkommunismus“ an, der, wie man fürchtete, nach einem Sieg in Vietnam auch die benachbarten Staaten nacheinander umstürzen würde (sog. Dominotheorie). Daher entsprach die amerikanische Regierung seit Mai 1950 dem französischen Hilfeersuchen durch die Entsendung amerikanischer Militärberater nach Saigon und durch umfangreiche Finanzhilfe (= 1954: 78% der französischen Rüstungsausgaben). Nach der Niederlage des französischen Expeditionskorps bei Dien Bien Phu (7. Mai 1954) schlossen die französische und die Regierung der DRV auf der Genfer Indochina-Konferenz 1954 ein Waffenstillstandsabkommen. Es beendete einen Krieg, in dessen Verlauf auf beiden Seiten bislang insgesamt 920.000 Menschen starben.
Das Abkommem sah die Teilung Vietnams entlang dem 17. Breitengrad mit einer kommunistischen Regierung im Norden und einer französisch-beeinflußten, nicht-kommunistischen im Süden sowie für 1956 allgemeine Wahlen zur Wiedervereinigung des Landes vor. Die Franzosen und Nordvietnamesen unterzeichneten dieses Abkommen, nicht aber der von den Franzosen eingesetzte südvietnamesische Regierungschef. Mittlerweile festigte sich Ho Chi Minhs Herrschaft über Nordvietnam rasch, und es zeigte sich, dass freie allgemeine Wahlen im Norden nicht durchzusetzen sein würden. Da dieses Ungleichgewicht in einer landesweiten Wahl eine kommunistische Machtübernahme bedeutet hätte, weigerte sich die südvietnamesische Regierung mit amerikanischer Rückendeckung, Wahlen stattfinden zu lassen. Es begann der Ausbau der Republik Südvietnam zum antikommunistischen Vorposten, um nicht auch Laos und Kambodscha unter kommunistische Herrschaft geraten zu lassen. Die Folge war eine zunehmende Guerillatätigkeit nordvietnamesischer Truppen in Südvietnam, in deren Verlauf bis 1960 rund 13.000 von der südvietnamesischen Regierung eingesetzte Dorfälteste und Beamte getötet wurden.
Bald beherrschten nordvietnamesische Truppen große Teile der abgelegenen ländlichen Gebiete Südvietnams. Diese Entwicklung und die wachsende einheimische Opposition gegen eine korrupte südvietnamesische Regierung führte zu einer kontinuierlichen Verstärkung der amerikanischen Militärberater in Süd-Vietnam.
Auslöser für ein direktes militärisches Engagement der USA war der nie ganz aufgeklärte Tonkin-Zwischenfall vom 2. und 4. August 1964. Angeblich wurden dabei zwei amerikanische Zerstörer von nordvietnamesischen Torpedobooten im Golf von Tonkin beschossen. Daraufhin ordnete Präsident Johnson punktuelle Luftangriffe auf militärische Ziele in Nordvietnam an. Seit Anfang 1965 entsandten die USA auch mehr Bodentruppen, bis Ende 1968 waren 543.000 Mann in Südvietnam stationiert.
Nach dem Scheitern der kommunistischen „Tet-Offensive“ begannen am 13. Mai 1968 in Paris Waffenstillstandsverhandlungen. Der nun vier Jahre andauernde Krieg hatte die Bevölkerung in weiten Teilen Vietnams schwer in Mitleidenschaft gezogen und die ökologische Struktur des Landes schwer geschädigt. Hinzu kamen der Terror der Vietcong und die Ausschreitungen der südvietnamesischen und amerikanischen Truppen, wie bspw. das Massaker von My Lai. In den USA und anderen Ländern der westlichen Welt kam es zu heftigen Demonstrationen gegen die amerikanische Vietnampolitik, ihren Mitteln und Begleiterscheinungen. Unterdessen gingen die Kämpfe in Südvietnam allerdings weiter. Die südvietnamesischen Truppen konnten sich nun dank der amerikanischen Luftüberlegenheit besser behaupten als zuvor, erlangten aber trotzdem keine nennenswerten strategischen Erfolge.
Unter Nixon strebten die USA ab 1969 eine Lösung aus dem Engagement in Süd-Vietnam u.a. durch die „Vietnamisierung“ des Konflikts, d.h. den massiven Aufbau einer südvietnamesischen Armee, an. 1972 hatten sich große Teile amerikanischer Bodentruppen aus Vietnam zurückgezogen.
Das am 27. Januar 1973 unterzeichnete Waffenstillstandsabkommen, das auf einer abschließenden internationalen Konferenz bestätigt und garantiert wurde, bestimmte den Abzug des gesamten militärischen Personals der USA, ohne jedoch etwas über die im Süden befindlichen nordvietnamesischen Truppen auszusagen. Die anschließenden Verhandlungen zwischen den vietnamesischen Kriegsparteien zur Bildung eines „Nationalen Versöhnungsrats“ blieben ergebnislos; vielmehr versuchten beide Seiten, größere Gebiete unter ihre Gewalt zu bringen. Diese dritte Phase des Krieges endete Anfang 1975 mit dem vollständigen Zusammenbruch der südvietnamesischen Armee. Am 2. Juli 1976 wurde die Sozialistische Republik Vietnam als gesamtvietnamesischer Staat gegründet.
Literatur:
Robert S. McNamara. Das Trauma einer Weltmacht. Goldmann, 1997.

Marc Frey. Geschichte des Vietnamkriegs. München: CH.Beck, 2002. ISBN: 3406459781

Anne Lipp. "Meinungslenkung im Krieg". Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2003.
ISBN: 3525351402

Tim Page, Doug Niven, Chris Riley (Hrsg.). „Ein anderes Vietnam. Bilder des Krieges von der anderen Seite“. National Geographic, Hamburg 2002. ISBN: 3934385656
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