Erläuterung:
Bereits in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte Frankreich zunächst die algerischen Küstenstädte, bald darauf auch das Hinterland besetzt. Schon 1848 erklärte die französische Verfassung Algerien zum französischen Territorium, also zu einem Teil des Mutterlands und untermauerte so seinen dauerhaften Besitzanspruch.
Nach dem für Frankreich verlorenen deutsch-französischen Krieg setzte mit etwa 500.000 Elsässern und Lothringern eine neue Welle der Kolonisierung ein. Zwischen 1880 und 1920 brachten die Franzosen durch mehrere militärische Expeditionen die gesamte algerische Sahara gegen den Widerstand der Tuareg unter ihre Kontrolle. Die Zahl der Europäer in Algerien wuchs durch immer neue Einwanderer an, bis sie in den 1930er Jahren etwa eine Million erreichte, von der aber nur die Hälfte französischer Herkunft war.
Algerien war zu einem französischen Departement geworden, in dem zehn Prozent der Einwohner, nämlich die französischen Siedler (etwa 800.000 Menschen), ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche und die gesamte, wenn auch wenig ausgebaute Industrie des Landes kontrollierten. Den „Einheimischen“ BewohnerInnen hingegen wurden die Staatsbürgerschaft und andere Grundrechte vorenthalten.
Schon seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde von AlgerierInnen verstärkt die Unabhängigkeit gefordert, schließlich hatte das Land während des Zweiten Weltkriegs als Sitz der französischen Widerstandsbewegung gedient und war von den Amerikanern (Landungen im November 1942) als Durchzugsgebiet genutzt worden.
Noch am Tag des Waffenstillstands in Europa, am 8. Mai 1945, schossen französische Truppen im algerischen Constantine auf Demonstranten, die für die Autonomie ihres Landes innerhalb des französischen Staatenverbandes eintraten. Der Brutalität der Armee fielen auch an den folgenden Tagen hunderte, wenn nicht Tausende AlgerierInnen zum Opfer. Frankreich versuchte die Unabhängigkeitsbewegung im Keim zu ersticken, bzw. sie mit geringfügigen politischen Zugeständnissen 1947 hinzuhalten, in der Hoffnung die moslemische Bevölkerung doch noch für die „civilisation francaise“ gewinnen zu können. Algerien, das zum Mutterland - und nicht als Kolonie - zählte, sollte integraler Bestandteil „de la France une et indivisible“ bleiben. Doch der Konflikt schwelte weiter, führte 1948 zur Gründung der FLN (Front de Liberation Nationale/Nationale Befreiungsfront) durch eine Gruppe um Ben Bella und kam sechs Jahre später zum Ausbruch.
In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 1954 verübten Terrorkommandos rund 30 Anschläge an verschiedenen Orten Algeriens, vor allem im Osten des Departements Constantine und im Gebiet von Aurès. Für die Franzosen kam der Aufstand, der den Beginn des durch die FLN geführten algerischen Unabhängigkeitskrieges markiert, insofern unerwartet, als ein Nationalbewusstsein unter den Einheimischen nicht so verbreitet war wie etwa in den Protektoraten Marokko und Tunesien. Nachdem die Franzosen zuvor gegenüber den politischen Forderungen der algerischen Nationalisten zu keinen Zugeständnissen bereit gewesen waren, reagierten sie auf die Attentate der FLN mit massiven Einsätzen von Polizei und Armee. Waren zu diesem Zeitpunkt etwa 57.000 französische Soldaten in Algerien stationiert, wuchs ihre Zahl innerhalb von vier Wochen auf 83.000. Fünfzehn Monate später waren es bereits 500.000 Mann.
Durch einen Trick wird Ben Bella am 22. Oktober 1956 in Algier festgenommen, was nicht nur in Algerien weitere Unruhen auslöst, sondern auch in Tunesien und Marokko zu Demonstrationen führt, in deren Verlauf dreißig Europäer ermordet werden. Am 7. Januar 1957 erhält daraufhin die Armee umfassende Sondervollmachten. Ihr wird die „Polizeigewalt“ übertragen - die sie zur Errichtung von Lagern und zur Folterung von Zivilisten ausnutzt, um aus diesen die Namen von Untergrundkämpfern herauszupressen.
Zur psychologischen Kriegführung gegen die Bevölkerung bediente sich die Armee der SAS („Sections administratives spéciales“), den außerhalb legaler Kontrolle operierenden „administrativen Sondereinheiten“. Doch sämtliche polizeiliche Gegenmassnahmen bleiben wirkungslos, der Krieg um die Unabhängigkeit geht unvermindert weiter.
Im Mai wird Charles de Gaulle nicht zuletzt durch die Stimmen der Algerienfranzosen zum Präsidenten gewählt, obwohl er keinen klaren Standpunkt zum Krieg in Algerien hatte erkennen lassen. In Anerkennung des in Algerien herrschenden Elends und der politischen Enttäuschung und Demütigung bot de Gaulle am 23. Oktober 1958 den „Frieden der Tapferen“ an, bei dem es sich aber lediglich um ein Waffenstillstandsangebot für weitere Verhandlungen handelte. Zu wenig für die FLN, deren im September gegründete Exilregierung bereits den Rahmen eines zukünftigen Friedensvertrages präzisieren wollte und von Frankreich als legitimer Verhandlungspartner anerkannt werden wollte. Es dauerte weitere drei Jahre, bevor neue Verhandlungen mit der algerischen Exilregierung eingeleitet werden konnten, allerdings gegen den erbitterten Widerstand hoher Generäle, deren Putsch de Gaulle abwenden konnte. Machtlos war er hingegen gegen den zunehmenden Terror rechtsradikaler Algerienfranzosen, die sich im OAS (Organisation de l`Armée Secrète) zusammengeschlossen hatten und blutige Anschläge verübten. Mit dem Abkommen von Evian vom 18. März 1962 entließ Frankreich Algerien schließlich in die Unabhängigkeit.
Bis zur diesem Tag verbrachten rund 1,7 Millionen französische Wehrdienstpflichtige Teile ihrer 27 Monate dauernden Dienstzeit in Algerien - fast 25.000 von ihnen starben, 60.000 wurden verletzt und verstümmelt. Die Opfer auf der algerischen Seiten gehen in die Hunderttausende.