Erläuterung:
Indien und Pakistan befinden sich seit der Gewährung der staatlichen Unabhängigkeit durch die britische Kolonialmacht am 15. August 1947 in einem latenten bis virulenten Kriegszustand.
Fünfmal ist der Konflikt zwischen den beiden Nachfolgestaaten des britischen Raj bisher kriegerisch eskaliert:
- unmittelbar nach Ende der Kolonialherrschaft im ersten Kaschmirkrieg der Jahre 1947 und 1948,
- im Rann-von-Kutch-Krieg und im zweiten Kaschmirkrieg 1965,
- im Bangladesch-Krieg 1971
- in der kriegerischen Konfrontation der beiden Staaten am Siachengletscher der Jahre 1984 bis 1989 sowie
- von April bis September 1999.
Der jahrzehntelange Konflikt hat seinen Ursprung in der Rivalität der beiden wichtigsten Flügel der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Der „Indian national Congress“, die spätere Regierungspartei Indiens, bevorzugte das Modell eines säkular ausgerichteten, staatsnationalistischen Gebildes auf dem Gebiet des gesamten British-Indien. Dagegen verfolgte die „Muslimliga“ die Errichtung der Islamischen Republik Pakistan als Heimstatt aller Muslime des Subkontinents, die immerhin ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachten.
Zur Lösung des Konflikts vereinbarte die britischen Kolonialmacht mit den beiden Parteien die Teilung Britisch-Indiens. Mehrheitlich muslimische Provinzen oder Distrikte wurden Pakistan zugesprochen, das übrige direkt regierte Territorium wurde Bestandteil der Indischen Union. Zwar entsprach der Teilungsbeschluss eher den Vorstellungen der »Muslimliga« als denen des »Indian National Congress«, doch hatte die im August 1947 vollzogene Teilung des Subkontinents auch Kompromisscharakter.
Die spätere Konfrontation und die Vielzahl der Kriege entzündete sich an dem im äußersten Nordwesten des Subkontinents gelegene Fürstentum Kaschmir, das unter britischem Protektorat stand. Wie die anderen 565 nur indirekt durch Großbritannien regierten Fürstenstaaten sollte Kaschmir im August 1947 seinen Beitritt zu einem der beiden Nachfolgestaaten des (direkt regierten) Britisch-Indien erklären. Auf der Grundlage ihres jeweiligen Staatsverständnisses beanspruchten sowohl Indien als auch Pakistan die Eingliederung Kaschmirs für sich.
Für Indien wurde Kaschmir als – bis zum heutigen Tage – einziger Unionsstaat mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit zum Testfall der Tragfähigkeit eines staatsnationalistischen Konzeptes politischer Ordnung, und auch für Pakistan war Kaschmir ein integraler Bestandteil seiner Staatsideologie, der Zwei-Nationen-Theorie, also Trennung von muslimischen und hinduistischen Provinzen.
Der historische Zufall wollte es nun, dass in Kaschmir ein hinduistischer Maharadscha über eine achtzigprozentige muslimische Bevölkerungsmehrheit herrschte. Dieser autokratische Regent hatte mit dem Sprung in die politische Moderne, den ein Anschluss an Pakistan oder an Indien bedeutet hätte, nicht viel zu gewinnen und versuchte deshalb, die staatliche Unabhängigkeit Kaschmirs zu erlangen oder zumindest auf Zeit zu spielen, bis er schließlich am 26. Oktober 1947 (unter indischem Druck) doch der Indischen Union beitrat.
Die besonderen Umstände der Dekolonisation verschärften die Krise: Die Teilung des Subkontinents war als rein administrativ Akt erfolgt ohne demokratische Abstimmung. Der überhastete Abzug der Kolonialmacht löste beispiellosen Migrationsbewegungen über die neuen Grenzen aus und führte zu blutigen Auseinandersetzungen. Die schon 1946 einsetzenden Zusammenstöße zwischen Hindus und Muslimen haben Hunderttausende Todesopfer gefordert und die britische Kolonialmacht noch darin bestärkt, schnell den Rückzug anzutreten.
Der zentrale Inhalt des Gegensatzes, der den Kriegen zwischen Indien und Pakistan unterliegt, ist also das antagonistische Verhältnis der Legitimation politischer Herrschaft beider Staaten: säkular-staatsnationalistisch auf der indischen und kulturnationalistisch auf der pakistanischen Seite.