Ein Klassenphoto der Untersekunda des Lessing-Gymnasiums im Berliner Stadtteil Wedding: Einer der Abgebildeten hat den Kontakt zu einigen noch lebenden Klassenkameraden nicht abreißen lassen. Die inzwischen 50- bis 60-Jährigen berichten nun in Interviews von ihrem Leben zwischen 1937 - dem Jahr, in dem sie das Abitur bestanden - und der Gegenwart. Sie erzählen von der Schule, von ihren Erlebnissen während der Olympiade 1936 und bei Kriegsbeginn und davon, wie sie nach 1945 ihr Leben fortsetzten. Sie geben Auskunft über Beruf und Familie. Die einstigen Klassenkameraden berichten von der "Ehetauglichkeitsuntersuchung" bei der SS, von der Begrüßung der "Legion Condor", von ihrer Einstellung zum Nationalsozialismus ("man sei immer unpolitisch gewesen") und von ihrer Haltung gegenüber der heutigen Welt. Einer aus dieser Klasse, der Schüler Bernhard Kaiser, ist nicht auf dem Bild; wegen seiner jüdischen Herkunft musste er die Schule verlassen. Er emigrierte in die USA, seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet, doch der Sohn äußert sich vierzig Jahre später ohne Hass. Werner Willi Garn, ein anderer Schüler, in der Klasse beliebt und als "Führer" geachtet, kämpfte in der faschistischen Legion Condor in Spanien. Eberhard Wirbitzky, damals schon etwas älter und von der NS-Ideologie beeindruckt, schwärmt auch heute noch für ein reinrassiges Deutschtum; für ihn sind Brecht und Tucholsky noch immer Vertreter der Dekadenz und des Verfalls. Keiner der damaligen Schüler verhält sich kritisch zur einstigen Begeisterung. Einer hatte über die katholische Jugend den Weg in den inneren Widerstand gefunden, die anderen halten die Zeit des Dritten Reichs auch heute für ihre beste Zeit. Einige der Schüler sind im Krieg gefallen; die anderen versuchten nach 1945, sich in der Bundesrepublik eine neue Existenz aufzubauen und gehörten dann zu jener Altersgruppe, die sich als "schweigende Generation" um den wirtschaftlichen Wiederaufbau kümmerte. Einer der damaligen Schüler lebt heute als Zahnarzt in Ostberlin.(Deutsches Filmhaus)